Hand aufs Herz: Kommt es Ihnen auch so vor, als wäre 1996 erst gestern gewesen? Deutschland wird Europameister dank Oliver Bierhoff, im Radio läuft "Coco Jamboo" und auf den Straßen tauchen plötzlich Autos auf, die das Design der 90er für immer prägen sollten.
Doch der Blick in den Kalender lügt nicht: Diese Fahrzeuge werden dieses Jahr 30. Das bedeutet: Willkommen im Club der H-Kennzeichen!
Als Prüfingenieur und Gutachter hier in Berlin & Brandenburg sehe ich fast täglich, wie sich der Wind dreht. Autos, die eben noch als "Gebrauchtwagen" belächelt wurden, reifen zu echten Klassikern. Für Sie als Liebhaber ist das eine spannende Zeit. Die Preise ziehen an, aber noch gibt es echte Schnäppchen.
Schauen wir uns mal an, welche Modelle aus den Jahrgängen 1995 und 1996 jetzt den Ritterschlag erhalten – und wo Sie genau hinschauen müssen, damit der Traum nicht zum Albtraum wird.
Ikonen der 90er: BMW Z3 und Alfa Romeo GTV
1. Der James-Bond-Faktor: BMW Z3 (E36/7)
Er ist klein, er ist puristisch, und er war der Dienstwagen von Pierce Brosnan in GoldenEye. Der Z3 startete Ende 1995, was bedeutet: Die ersten Exemplare tragen bereits stolz das "H", und die 1996er-Modelle ziehen jetzt nach.
Meine Einschätzung:
Technisch ist der Z3 dank E36-Basis solide Hausmannskost – und das ist ein Kompliment! Ersatzteile sind verfügbar, die Motoren standfest.
Der Tipp:
Alle wollen den Sechszylinder (2.8i). Klar, der Sound ist herrlich. Aber unterschätzen Sie nicht den spritzigen 1.8er oder 1.9er (M44) Vierzylinder. Er ist leichter auf der Vorderachse und macht auf kurvigen Landstraßen in Brandenburg fast noch mehr Spaß als der schwerere "Große".
Worauf Sie achten müssen:
Neben den bekannten Wackelsitzen (verschlissene Gummipuffer) und Rost an den Schwellern (sowie Wagenheberaufnahmen und Spiegelfüßen), sollten Sie das Verdeck und die Fensterheber prüfen. Wenn es reinregnet oder die Scheiben nur müde hochfahren, wird der Bond-Spaß schnell teuer.
2. Design-Ikone mit Keilform: Alfa Romeo GTV & Spider (916)
Wenn ein Auto "Leidenschaft" schreit, dann dieser Alfa. Das Design von Pininfarina mit der markanten seitlichen Sicke und der Keilform polarisierte damals – heute ist es reine Kunst auf Rädern.
Meine Einschätzung:
Viele fürchten die italienische Technik. Ja, die Elektrik kann zickig sein (leuchtende Airbag-Lampen sind fast Standard). Aber das Fahrwerk mit der aufwendigen Hinterachse ist ein Gedicht!
Der Tipp:
Der "Busso"-V6 Motor ist legendär, klanggewaltig und mittlerweile richtig teuer. Mein Geheimtipp für Einsteiger ist der 2.0 Twin Spark. Er dreht willig hoch, klingt kernig und ist im Unterhalt günstiger. Ein gepflegter 916er mit frischem H-Kennzeichen ist ein Statement für Stilbewusstsein.
Worauf Sie achten müssen:
Der Twin Spark ist eine Diva beim Zahnriemen. Das Wechselintervall einzuhalten ist heilig! Reißt er, ist der Motor tot. Und hören Sie genau hin: Klingt der Motor im Leerlauf wie ein Diesel? Dann ist vermutlich der Phasensteller defekt.
3. Die Roadster-Revolution: Mercedes SLK (R170) & Porsche Boxster (986)
1996 war das Jahr der Roadster.
Der Mercedes SLK (vorgestellt im April '96) brachte das Variodach und machte das Offenfahren ganzjahrestauglich. Die Motoren sind Dauerläufer, aber der R170 hat zwei große Feinde: Rost (massiv an Kotflügeln und Kofferraumschloss!) und den Innenraum. Der damals verwendete Softlack blättert heute gerne großflächig ab – das sieht unschön aus ("Sonnenbrand-Optik"), lässt sich aber beheben. Prüfen Sie zudem, ob der Dachhimmel trocken ist – tropfende Hydraulikzylinder ruinieren Ihnen die Hose.
Der Porsche Boxster (Markteinführung August '96) rettete Zuffenhausen. Spiegelei-Scheinwerfer hin oder her: Mittelmotor und Boxer-Sound für (noch) verhältnismäßig kleines Geld sind unschlagbar.
Aber Vorsicht:
Ein früher 2.5er mit H-Kennzeichen ist ein Traum für Puristen, birgt aber ein Risiko. Fragen Sie nach dem Zwischenwellenlager (IMS) und dem Kurbelwellensimmerring (KWS). Ein undichter Simmerring ist ärgerlich, aber ein gebrochenes Zwischenwellenlager bedeutet den Motortod. Eine lückenlose Historie ist hier wichtiger als eine niedrige Laufleistung!
Was Sie jetzt tun sollten
Ein H-Kennzeichen ist mehr als nur eine günstige Steuerpauschale (aktuell 191,73 €). Es ist eine Auszeichnung für den Erhalt eines technischen Kulturgutes. Aber Vorsicht: Die Prüfkriterien sind streng. Ein "verbrauchtes" Auto ist kein erhaltenswürdiges Kulturgut.
Zudem gilt gerade jetzt: Marktwert ist nicht Wiederbeschaffungswert.
Wenn Sie sich einen dieser aufstrebenden Klassiker in die Garage stellen, verlassen Sie sich nicht auf die Standard-Listenpreise der Versicherer. Gerade beim Z3 und GTV explodieren die Preise für Top-Exemplare, während "Grotten" den Durchschnittspreis drücken.